
Das wichtigste Coaching-Tool ist womöglich, nicht sofort eines zu benutzen.
Wer eine Coaching-Ausbildung macht, bekommt im Laufe der Zeit einen erstaunlich gut gefüllten Werkzeugkoffer. Inneres Team. Wertequadrat. Skalierungsfragen. Aufstellungen. Reframing. Ressourcenarbeit. Dazu Modelle, Matrizen und genügend Moderationskarten, um einen kleinen Flughafen auszuschildern.
Das Problem beginnt, wenn endlich ein echter Mensch vor einem sitzt.
Er sagt einen Satz, stockt kurz, schaut aus dem Fenster, und noch während er selbst offenbar versucht zu verstehen, was er da gerade gesagt hat, klappt im Kopf des Coaches schon die erste Schublade auf. Ah. Interessant. Könnte man aufstellen. Oder skalieren. Oder einmal von eins bis zehn zählen. Und schon steht zwischen zwei Menschen plötzlich ein Flipchart. Daran ist nichts falsch. Tools können großartig sein. Sie können Ordnung schaffen, wo vorher nur Nebel war. Sie können einen Gedanken aus dem Kopf holen und so lange auf den Tisch legen, bis man ihn endlich von allen Seiten sieht.
Methoden befreien den Coach vom „Nichtstun“
Und manchmal ist genau das das Problem. Denn Nichtstun ist in einem Coachingraum erstaunlich schwer auszuhalten. Ein Satz fällt. Dann passiert kurz nichts. Niemand schreibt. Niemand klebt Punkte. Niemand schiebt einen Stuhl durch den Raum. Zehn Sekunden später bekommt der Coach innerlich bereits das Gefühl, für sein Honorar langsam wieder etwas leisten zu müssen.
Und ehe man sich versieht, wird aus dem Coach ein kleiner TOOLIGAN:
immer auf der Suche nach der nächsten Methode, die sich noch irgendwie aufs Spielfeld bringen lässt. Dabei passiert in diesen zehn Sekunden womöglich mehr als in den zwanzig Minuten danach. Ein Gedanke sinkt ein Stockwerk tiefer. Eine Antwort, die sonst reflexhaft gekommen wäre, bleibt aus. Jemand merkt, dass er auf eine einfache Frage überhaupt keine einfache Antwort hat. Das sieht nur nicht besonders spektakulär aus. Man kann es schlecht fotografieren. Es macht sich mäßig auf LinkedIn. Und in der Methodensammlung bekommt es keinen hübschen Namen.
Gutes Coaching besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Werkzeuge zu benutzen.
Sondern darin zu merken, wann man die Hand aus dem Koffer nimmt. Denn wer ständig nach der passenden Methode sucht, übersieht leicht den Menschen, für den sie gedacht war. Am Ende ist Erfahrung womöglich genau das: Man hat sehr viel gelernt und muss nicht mehr dauernd was davon zeigen. Der Werkzeugkoffer steht trotzdem im Raum.
Er muss nur nicht bei jedem Satz aufspringen.